Die ersten Röntgenaufnahmen dauerten mehr als eine Viertelstunde - eine aus heutiger Sicht mörderische Dauer. Mittlerweile weiß man um das hohe Risiko, das von den unsichtbaren "X-Strahlen" - so nannte Konrad Röntgen seine 1895 gemachte Entdeckung - ausgeht. Um die Krebsgefahr möglichst gering zu halten, werden heutige Aufnahmen in Sekundenbruchteilen und mit geringster Strahlendosis gemacht. Dennoch schlagen die Strahlenexperten Alarm: Was die Deutschen jährlich an Röntgenstrahlen schlucken müssen, ist weltweit unerreicht.
Jeder Deutsche wird durchschnittlich 1,7-mal im Jahr geröntgt. Bei unseren niederländischen und britischen Nachbarn geschieht dies nur 0,9- bzw. 0,7-mal im gleichen Zeitraum. In Sachen Strahlendosis pro Kopf liegen wir mit zwei Millisievert pro Jahr doppelt so hoch wie Frankreich und sogar viermal so hoch wie die USA.
Die Ursache für die deutsche Spitzenposition liegt in einer Besonderheit unseres Gesundheitssystems: Nicht nur Radiologen, sondern im Prinzip fast jeder Arzt darf zur Röntgenkanone greifen. Etwa 70 Prozent des normalen Röntgens findet nicht in der Radiologie statt. Pikanterweise ist es gerade ein hochmodernes Diagnoseverfahren wie die Computertomografie (CT), das die Strahlungsbelastung in die Höhe treibt. Mittlerweile gehen 37 Prozent der gesamten Belastung auf die strahlungsintensiven CT-Aufnahmen zurück.
Viele Aufnahmen bedeuten dabei nicht zwangsläufig eine bessere Kontrolle. Führende Gesundheitsexperten sehen sogar eher das Gegenteil: Jedes zweite Röntgenbild ist fehlerhaft, jedes dritte überflüssig.
In Zukunft bedarf es umso mehr des Abgleichs mit internationalen Standards und aktuellen Daten, um im Einzelfall noch strenger abzuwägen, ob eine Röntgenuntersuchung tatsächlich notwendig ist. Auch ist fraglich, ob die Deutschen die mögliche Reduzierung der Röntgengeräte auf Fachpraxen, so üblich in England, ohne weiteres in Kauf nehmen: Warum extra einen Spezialisten aufsuchen, wenn der Hausarzt um die Ecke auch röntgen kann? Aber auch die Patienten sind gefragt. Entlasten Sie Ihr persönliches Strahlenkonto indem Sie jede Röntgenaufnahme hinterfragen und sich über mögliche Diagnose-Alternativen wie z.B. Ultraschall informieren.